Menschen mit Behinderung – CRIP Education
CRIP ist ein ursprünglich pejorativer Begriff, der seit den 1960er Jahren in unterschiedlichen Kontexten reclaimed und mit neuer Bedeutung versehen wird, z.B. Crip Punk, Crip Pride, Crip Time usw.
Crip Theory hat eine radikale und kritische Agenda, die auf biografisch-persönliche Narrative zurückgreift und hat zahlreiche Neulesungen von Populärkultur, aber auch des akademischen „Kanons“ ermöglicht, indem die vorherrschende normative Sicht auf Körper und normierende Praxen und Denkweisen herausgefordert werden. Insbesondere die Disability Studies widmen sich der Komplexität von Behinderung als einem soziokulturellen und politischen Phänomen mit eigener Geschichte und Mythologisierung. Ebenso werden institutionelle Diskurse (z.B. über Normalität) und die Effekte von Isolation, verwehrter Interaktion und Diskriminierungserfahrungen in den Fokus genommen.
Crip Education bezeichnet die Präsenz und Perspektive von Menschen mit Behinderungserfahrung/en sowie die aktive Gestaltung von Bildung und Bildungswissenschaft durch diese. Dies betrifft nicht nur explizit als „inklusiv“ ausgezeichnete Settings, sondern jegliche Bildung, Pädagogik, Erziehung und entsprechende Forschung. Die porträtierten Personen sind Wegbereiter*innen dieses Ansatzes.
Ferdinand Berthier
Ferdinand Berthier (1803–1886) war ein gehörloser Pädagoge, Buchautor, Intellektueller und Aktivist, der für die Selbstbestimmung tauber Menschen eintrat, indem er sich sein Leben lang für den Schutz und die Vermittlung von Französischer Gebärdensprache (langue des signes française – LSF) und die Kultur der Gehörlosengemeinschaft einsetzte.
Judith Heumann
Judith Heumann (1947–2023) war eine weithin sichtbare und wirksame Aktivistin für die Rechte von Menschen mit Behinderungen und wird oft als „Mutter“ der amerikanischen Behindertenrechtsbewegung bezeichnet. Durch diskriminierende und ausgrenzende Gesetze wurde sie in ihrer Bildungslaufbahn massiv behindert. Sie engagierte sich für die Umsetzung des Selbstbestimmt-Leben-Konzeptes ein und war in mehreren US-Regierungen als Sonderberaterin beziehungsweise Staatssekretärin tätig.
Betty Hirsch
Betty Hirsch (1873–1957) wuchs als Kind dänisch-jüdischer Eltern in Berlin auf und erblindete als Teenager. Sie wollte jedoch ihre Selbstständigkeit nicht aufgeben, wurde Konzertsängerin und war aktiv als Initiatorin und Organisatorin von Bildungsangeboten und bei der Arbeitsplatzfindung für blinde Menschen. Ab 1918 arbeitete und lehrte sie in der Blindenfachschule in Berlin, die sie später auch leitete. Der nationalsozialistischen Verfolgung entging sie 1934 durch Flucht nach England, 1947 kehrte sie nach Deutschland zurück.
Volker Schönwiese
Volker Schönwiese (*1948) baute 1983 bis 2013 an der Universität Innsbruck den Lehr-und Forschungsbereich Inklusive Pädagogik und Disability Studies auf und ist seit den 1970er-Jahren Teil der Selbstbestimmt-Leben-Bewegung. Schönwiese ist Gründer der digitalen Bibliothek BIDOK zum Thema Inklusion von Menschen mit Behinderungen.