Aus Wien Vertriebene
Wien sowie die Universität Wien erlebten zu Beginn des 20. Jahrhunderts eine Blütezeit, in der Philosophie, Künste, Literatur, Rechtswissenschaften, Medizin und speziell auch die Psychologie große Bedeutung für die Moderne und die Entstehung einer neuen Gesellschaft erlangten. Auch Frauen wurde mehr Raum zugestanden. So konnten Mädchen ab 1911 erstmals an der von Eugenie Schwarzwald geführten Schule in Wien die Matura ablegen. Auch Anna Freud war damals als Lehrerin an einem Gymnasium tätig.
Viele der Akteur*innen dieses aufgeklärten Geistes, der reformerischen Pädagogik und des modernen Menschenbildes waren jüdisch und wurden ab 1938 aus Österreich vertrieben oder deportiert und ermordet.
Jüdischen Studierenden der Pädagogik wurde damals ihr Weiterstudium an der Universität Wien verwehrt, manche konnten nach England, Palästina/Israel und in die USA flüchten und hatten dort zum Teil großen Erfolg. Sehr wenige kehrten zurück und bauten sich ein neues Leben im Dienst der Bildung auf.
Die bekannten Lebensdaten einiger jener Pädagogik-Studierenden, die 1938 von der Uni Wien ausgeschlossen wurden, kann man im Gedenkbuch der Universität Wien nachlesen.
Eugenie Schwarzwald
Eugenie Schwarzwald (1872– 1940) leitete eine reformpädagogische Schule in Wien, in der zahlreiche bedeutende Künstler und Forscher als Vortragende tätig waren. Besonders engagiert betrieb sie die Förderung von Mädchen und jungen Frauen. 1938 rettete sie sich in die Schweiz, die Nationalsozialisten raubten ihren gesamten Besitz, schlossen die Schule und vertrieben oder ermordeten die meisten Pädagog*innen und Schüler*innen.
Anna Freud
Anna Freud (1895–1982) interessierte sich schon früh für die psychoanalytischen Studien ihres berühmten Vaters. Sie studierte an der Universität Wien und eröffnete 1923 ihre eigene Praxis. Der Fokus ihrer Arbeit lag auf der Weiterentwicklung der psychoanalytisch-pädagogischen Arbeit mit Kindern. Nach ihrer Verhaftung und Verhören durch die Gestapo gelang ihr 1938 die Flucht nach England. Dort führte sie den Ausbau der Kinderpsychoanalyse fort und baute mit ihrer Lebenspartnerin Dorothy Tiffany Burlingham die Hampstead Clinic auf, die kurz nach ihrem Tod in Anna Freud Centre umbenannt wurde und bis heute aktiv ist. Mehr zu Anna Freud.